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Wie ein Wahl-Niederbayer Deutschlands Kaffeekultur revolutionieren will

Porzellantasse statt Pappbecher, handgepflückte Bohnen statt günstiger Massenware aus dem Discounter: Jens Kirmse hat mitten im Bayerischen Wald eine Rösterei eröffnet, die er zum neuen Kaffeehimmel der Deutschen ausbauen will. Mit Erfolg: Inzwischen liefert er sogar nach Spanien und nach England.

Zwiesel (obx) – Die Deutschen sind süchtig nach dem Aufguss aus der gerösteten Bohne: Rund 150 Liter Kaffee trinkt der Bundesbürger pro Jahr. Das entspricht pro Tag rund einen halben Liter oder etwa drei bis vier Tassen. Meist ist das koffeinhaltige Heißgetränk in bundesdeutschen Tassen aber nicht von bester Qualität. Dieser Ansicht ist zumindest der gelernte Kaffeeröster Jens Kirmse aus dem niederbayerischen Zwiesel (Landkreis Regen). Der gebürtige Sachsen-Anhalter hat seine Leidenschaft des Kaffeetrinkens zum Beruf gemacht und will Deutschlands Kaffeekultur revolutionieren: weg von der hektischen „To-Go“-Mentalität, zurück zu hochwertigem Genuss mit dem vollen Aroma handgepflückter Bohnen. 
Den Kaffee hat Jens Kirmse beinahe mit der Muttermilch aufgesogen: Bei seiner Großmutter in Naumburg in Sachsen-Anhalt durfte der heute 57-Jährige erstmals an einem „Schälchen Heißen“ nippen. Duft, Geschmack, die Zeremonie, bei dem die Oma das gute weiße Porzellan herausholte, faszinierten ihn bereits als kleinen Jungen. Der Kaffeeliebhaber entschied sich für eine Lehre als Kaffeeröster und ging dafür nach Hamburg. Der Liebe wegen zog er später in den Bayerischen Wald und eröffnete dort ein Café. Das lenkte ihn jedoch zu sehr ab von seiner Passion: Er wollte sich ganz auf den Kaffee konzentrieren. Mit einem Startkapital von rund 50.000 Euro machte er sich vor sechs Jahren selbstständig – und gründete, in Zwiesel im Bayerwald, eine Kaffeerösterei. Mit einer großen Vision: die Kleinstadt nahe der böhmischen Grenze zum neuen Kaffeehimmel der Deutschen zu machen.
Acht Jahre später ist er seinem Traum entscheidende Schritte nähergekommen. Mittlerweile hat er mehr als 25 Kaffeebauern rund um den Globus besucht. Seine ausschließlich handgepflückten, fair gehandelten Bohnen aus biologischem Anbau liefert er inzwischen an Kunden in ganz Deutschland und im Ausland, beispielsweise nach Spanien. „Auch die deutschen Bäcker in London beliefern wir“, sagt er nicht ohne Stolz.
Jens Kirmses Geschäft boomt: In den vergangenen Jahren ist der Umsatz des Gründers jeweils zweistellig gewachsen. Für die Zukunft hat er große Pläne: Kirmse will unter anderem Reisen in die Herkunftsländer anbieten. Dort sollen deutsche Kaffeetrinker auf den Plantagen mitpflücken können.
Einen guten Kaffee bekomme man ab etwa 20 Euro pro Kilogramm, sagt der Experte. „Alles preislich darunter ist in der Regel Industrieware“, weiß Kirmse, der selbst im Moment gut zwei Dutzend Sorten im Angebot hat. Nur etwa drei bis vier Prozent des gesamten in Deutschland verkauften Kaffees erfüllen seine Qualitätskriterien. Günstiger Kaffee stamme oft aus unreifen Bohnen, die dazu noch viel zu heiß und viel zu schnell geröstet würden. „Eine Röstung von Hand dauert etwa dreißig Minuten“, so der Fachmann.
In seiner Schaurösterei mit angeschlossenem Museum erklärt er Besuchern bei Führungen, warum es sich lohnt, den Kaffee nicht nur als in der Morgenhektik schnell heruntergekippten Aufwach-Helfer und Muntermacher in langatmigen Meetings zu betrachten. „Es gibt wieder einen Trend, eine Tasse Kaffee als Ruhepol zu genießen und damit bewusst einen Kontrapunkt zur Hektik des Alltags zu setzen“, so Kirmse. Ganz so, wie es einst Melitta Benz propagierte, die im 19. Jahrhundert in Dresden den Kaffeefilter erfand.
„Es macht einen großen Unterschied, ob ich meinen Kaffee aus einer Porzellantasse oder einem Pappbecher trinke“, sagt er. Kirmse beobachtet: „Der gute alte Filterkaffee ganz einfach aufgebrüht im Porzellan-Filter, ist wieder stark im Kommen.“ Porzellan mit seiner guten Wärmespeicherung werde wieder mehr wertgeschätzt.
Es scheint, als sei Zeit ohnehin das wichtigste, wenn man die Magie des Kaffees vollständig erfahren will. „Früher war Kaffee etwas Besonderes, das man sich an Sonntagen oder Feiertagen einmal gegönnt hat, ich möchte möglichst viele Menschen dafür begeistern, sich dieser Wurzeln wieder zu besinnen“, sagt er. Seine inzwischen verstorbene Oma, die ihm einst die erste Tasse aufbrühte, wäre wohl stolz auf ihn gewesen.
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